Am 27.März 2009 begrüßte Frau Dr. Denfeld um 13.00 Uhr etwa 25 Kunstinteressierte am KVB‑Bahnhof Kiebitzweg zur Fahrt nach Köln. Vor dem Römertorbogen am Dom trafen wir eine kunsthistorisch sehr kundige Führerin, die uns in Entstehung und Bedeutung der Kirchenfenster einführte und Traditionen wie neue Entwicklungen bei einem Rundgang an sechs „Stationen" erläuterte. Dabei gab sie zu jeweils einem Fenster eine ausführlichere Erklärung
1. Nördliche Seitenschiffe
1.1 Fünf Fenster Kölner Künstler
Fünf Fenster im nördlichen Seitenschiff gestiftet zwischen 1507 und 1509 (v.l.n.r.): (1) Passionsszenen (oben), Laurentius und Maria (unten); (2) Petruslegende und Wurzel‑Jesse (oben), kniender Stifter mit Petrus und Sebastian (unten); (3) Anbetung der Hirten (oben), Kölner Ritterheilige Georg, Mauritius, Gereon, Albinus (unten); (4) Anbetung der hl. 3 Könige (oben), Petrus, Maria, Elisabeth, Christophorus (unten); (5) Marienkrönung (oben), Maria Magdalena, Georg (unten). Alle verfeinerten Techniken der spätgotischen Glasmalerei sind hier angewandt.
1.2 Das Petrus‑Wurzel‑Jesse‑Fenster
Das Petrus‑Wurzel‑Jesse‑Fenster wurde von Erzbischof Philipp von Daun gestiftet. Er ist kniend dargestellt und wird von den Heiligen Petrus und Sebastian begleitet, Die Wappen seiner Vorfahren füllen den unteren Teil des Fensters. Rechts oben ist die sogen. Wurzel Jesse, der Stammbaum Christi, dargestellt. Aus dem liegenden Stammvater Jesse wächst ein Baum, aus dessen Ästen wiederum biblische Könige wachsen. Die linke obere Hälfte zeigt Szenen aus dem Leben des heiligen Petrus, von der Berufung des Fischers Petrus links oben bis zu seiner Kreuzigung rechts unten.
Wir erreichen den Chorumgang mit den 7 Chorkapellen. Dieser älteste Teil des Doms wurde 1248 begonnen und 1265 gegen den noch unvollendeten Binnenchor abgemauert, so dass er bereits ab diesem Zeitpunkt liturgisch genutzt werden konnte.
2. Dreikönigenkapelle
2.1 Bibelfenster (1260), Dreikönigenfenster und Petrus‑Maternus-Fenster
Anlässlich der Chorweihe stellte man hier 1322 den Dreikönigenschrein auf. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Chorumgang, der bis dahin vermutlich nur der Dom‑ und Stadtgeistlichkeit vorbehalten war, Gläubigen und Pilgern geöffnet. Mitte: Bibelfenster ältestes Fenster im Dom um 1260. Gegenüberstellung von Altem und Neuem Testament. Links: Dreikönigen‑, rechts: Petrus-Matemus-Fenster, beide um 1330.
2.2 Dreikönigenfenster
Die Komposition dieses Glasgemäldes in der Dreikönigenkapelle, der mittleren Chorkapelle, erstreckt sich über beide Fensterbahnen, so dass der Mittelstab das Bild in zwei Teile teilt. Es ist wie viele Fenster der Chorkapellen um 1330/40 entstanden. In der Hauptszene beten die Heiligen Drei Könige das Kind an. Einer von Ihnen weist auf den Stern über dem Jesusknaben, ein anderer kniet. Das Besondere dieses Fensters ist die komplizierte, aus vielen Teilen aufgebaute Zierarchitektur, in deren Arkaden Johannes der Täufer, Gereon und zwei Propheten stehen. Die fein gezeichneten Baldachine spiegeln die Architektur des Domes wider. Die Farbigkeit dieser Fenster mit viel Gelb und Weiß unterscheidet sich deutlich vom benachbarten Älteren Bibelfenster, das um 1260 entstanden ist. Hier dominiert Rot und Blau.
3. Stephanuskapelle mit „Jüngerem Bibelfenster"
3.1 Stephanuskapelle
Grabmal Erzbischofs Gero (+ 976), um 1270. Sog. Jüngeres Bibelfenster (um 1285) ‑aus der ehemaligen Dominikanerkirche. Wandepitaph Erzbischofs Adolph von Schauenburg (um1285) In zwei Bahnen mit je elf Bilderfenstern zeigt das Fenster Szenen aus der Heilsgeschichte des Alten und des Neuen Testaments. In der rechten Bahn ist das Leben Christi von der Verkündigung an Maria bis zur Himmelfahrt dargestellt. Diesen christologischen Szenen stehen in der linken Bahn ausgewählte Ereignisse des Alten Testaments gegenüber. Das Fenster ist also zeilenweise zu lesen, mittelalterlicher Tradition gemäß von unten nach oben.
4. Das Südquerhaus-Fenster von Gerhard Richter
Dieses Fenster fand besonders großes Interesse und wurde sehr positiv beurteilt.
4.1 Biographie
Gerhard Richter wurde am 9. Februar 1932 in Dresden geboren. Im Jahr 1961 kam Gerhard Richter durch Flucht aus der DDR nach Westdeutschland. Er zog nach Düsseldorf. Sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Otto Götz vollzog er in den Jahren von 1961 bis 1963. Danach arbeitete er als Maler. Von 1962 bis 1982 betrieb er ein Atelier in Düsseldorf. 1973 entstand das Werk „1024 Farben" aus quadratischen Farbfeldern. Gerhard Richter wurde im Jahre 2004 mit dem Kunst und Kulturpreis der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken geehrt. Laut „Kapital" Kunstkompass aus dem Jahr 2004 ist Gerhard Richter der gefragteste Künstler, gefolgt wird er von Sigmar Polke und dem Amerikaner Bruce Naumann. G. Richter lebt seit 1983 in Köln.
4.2 Das farbige Mosaik
Das abstrakte Werk aus rund 11.500 farbigen Glasquadraten ersetzt die bislang helle und schmucklose Verglasung des „Südquerhausfensters" im gotischen Gotteshaus. Richter hatte seinen Entwurf dem Domkapitel geschenkt. Die Material‑ und Handwerkskosten in Höhe von etwa 400.000 Euro werden nach Angaben des Domkapitels vollständig durch Spenden aufgebracht. Das 113 Quadratmeter große historische Südquerhausfenster war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.
4.3 Bildaufbau
Anknüpfend an seine Farbfelderbilder der 1970er Jahre fertigte er einen Entwurf, der Farbquadrate aus mundgeblasenem Echt Antikglas in 72 Farben zusammensetzt. Da sich das Fenster harmonisch in den Gesamtraum einfügen sollte, werden nur Farben der vorhanden Glasfenster aufgegriffen. Damit die Farbfelder sich ohne störenden Steg berühren können und auch nach außen wirksam werden, sind sie mittels eines Silikongels mit einer Trägerscheibe verbunden. Der Künstler hat die Verteilung der Farbgläser auf die Hälfte der Fensterfläche mit Hilfe eines Zufallgenerators gesteuert.
4.4 Wirkung des Richter-Fensters
In seiner überwältigenden Farbenfülle ist das Fenster von Gerhard Richter eine Symphonie des Lichtes, in der alle Farben des Domes erklingen. Es steht in bewusster Beziehung zur Farbenwelt und Architektur des Domes. Die vibrierende Farbdichte zwingt keine Deutung auf. Sie ist offen und schenkt dem Licht Raum, in der Vielfalt der Farbnuancen aufzuscheinen. Es ist ein Fenster der Moderne, seine Ästhetik zeugt davon und seine Entstehungsweise. Das Licht, das die Farbenfülle vibrieren lässt, kann seine Arbeit tun und zeigen, dass es mehr ist als Licht. Eine geheimnisvolle Wett der Farben erscheint in den sich zur Fensterhälfte auf komplexe Weise spiegelnden Farbflächen. Der Sehende kann die Quadratflächen letztlich nicht festhalten; auch Ordnungen, die sich ihm zeigen, entschwinden wieder, um neue freizusetzen. Das Licht kann seine alles übersteigende und also transzendierende und spirituelle Wirkung auf den einzelnen Menschen in der ihm eigenen Form entfalten.
5. Die Bayernfenster in den südlichen Seitenschiffen
5.1 Entstehung
Die Vollendung und Ausschmückung des Domes im 19. Jahrhundert war eine gesamtdeutsche, ja europäische Angelegenheit. Deshalb versprach der bayerische König Ludwig 1. 1842 die Stiftung mehrerer Glasfenster, für deren Herstellung er in München eine Anstalt für Glasmalerei gründete. 1848 wurden diese Bayern‑Fenster im südlichen Seitenschiff eingesetzt. Mit ihren leuchtenden Farben, der Erzählfreude und dem Versuch, auch Stimmungen mitzuteilen, sind diese Fenster hervorragende Beispiele der Glasmalerei der 19. Jahrhunderts. Bayernfenster. (1) Predigt Johannes d. Täufers (oben), Karl d. Gr. Friedrich Barbarossa, Helena, Konstantin (unten); Anbetung der Hirten und Könige (oben), die Propheten Jesaja, Jeremias, Ezechiel, Daniel (unten); (3) Kreuzabnahme (oben), vier Evangelisten (unten); (4) Herabkunft der hl. Geistes (oben), vier Kirchenväter (unten); (5) Steinigung des Stephanus (oben), Heilige (unten).
5.2 Anbetung der Hirten und Könige (2) und Pfingstfenster (4)
In den unteren Arkaden stehen vier durch Spruchbänder gekennzeichnete Propheten. Die große Szene zeigt die Anbetung der Hirten und der Könige, während in der oberen Zeile die Verkündigung an Maria dargestellt ist. Aus den intensiven und differenzierten Farben des Glasgemäldes sticht vor allem der blaue Mantel Mariens hervor. Besonders fein und realistisch sind die Stoffe, z. B. das Gewand des knienden Königs aus Goldbrokat, und die Köpfe dargestellt, an denen man jedes einzelne Haar zu erkennen glaubt. Das Pfingstfenster wird durch gemalte gotische Arkaden gegliedert. Das Hauptbild zeigt eine Darstellung des Pfingstwunders.
6. Die Lüpertz-Fenster im Machabäer-Chor von St. Andreas
6.1 Der Machabäerschrein
Nach der Führung durch den Dom erreichten wir nach einem kurzen Spaziergang die Romanische Kirche St. Andreas aus dem 13. Jh. Bekannt ist die heutige Dominikanerkirche wegen der Aufbewahrung der Gebeine des Hl. Albertus Magnus in der Krypta. Im Jahr 1808 gelangte infolge der Säkularisation der spätgotische Machabäerschrein von 1527 in die Andreaskirche. Ursprünglich barg er die Hauptreliquie des Benediktinerinnenklosters zu den hl. Machabäern. Die Gebeine, aufgefunden durch die hl. Helena, gelangten 1164 zusammen mit den Reliquien der Heiligen Drei Könige durch Erzbischof Rainald von Dassel nach Köln. Das südliche Querhaus der Andreaskirche wird heute nach dem dort aufgestellten Schrein „Machabäer‑Chor" genannt. Die Machabäerbrüder und ihre Mutter Salome, deren Gebeine im Machabäerschrein aufbewahrt werden, sind alttestamentliche, jüdische Märtyrer; sie kämpfen gegen die Tempelschändung des Antiochus; sie wurden gefangen genommen und grausam hingerichtet. Auf dem Schrein ist dieses Martyrium in allen Einzelheiten drastisch dargestellt und in der Passion Christi gegenübergestellt. Der Machabäer‑Chor wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Die noch existierende Notverglasung der Fenster sollte durch thematisch an den Schrein angepasste Fenster ersetzt werden.
6.2 Die Machabäer-Glasfenster
Prof. Dr. Markus Lüpertz, der zu den renommiertesten Malern und Bildhauern der Gegenwart zählt und z.Zt. Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie ist, konnte für die Gestaltung der 7 Glasfenster gewonnen werden. Lüpertz wurde bekannt durch die Installation der Skulptur „Die Philosophin" im Bundeskanzleramt in Berlin.
Die Finanzierung des Projekts konnte durch das Engagement des Fördervereins Romanischer Kirchen und vieler privater Spender realisiert werden. Markus Lüpertz greift in seinen Entwürfen die Thematik des Martyriums der Machabäer auf und stellt sie, in Parallelität zum Schrein, typologisch der Leidensgeschichte Jesu gegenüber. Sowohl inhaltlich, als auch technisch (klassische Bleiverglasung) ist, bei aller zeitgenössischen Darstellungsweise, ein direkter Bezug zur Tradition gegeben. Dadurch fügen sich die stark farbigen Fenster optimal in das historische Raumgefüge der Andreaskirche ein. Im August 2008 wurden die Fenster des Machabäer‑Chores vollendet. In leuchtend bunten Farben erkennt man jeweils in der unter Hälfte der Glasfenster die tiefe Erniedrigung, die Folterung der Märtyrer; ein Bild aller menschlichen Not. Die obere Hälfte des jeweiligen Fensters parallelisiert die Leidensgeschichte Christi, ebenfalls ein Bild menschlichen Leids und größter Verzweiflung. Die eindrucksvollen Glasfenster mit dem großen Thema „Erlösung", verleihen dem Machabäer Chor in St. Andreas eine ganz besondere Atmosphäre. Der gegenüberliegende nördliche Marien‑Chor soll noch in diesem Jahr 2009 neue Glasfenster mit dem Thema „Schöpfung" erhalten ebenfalls von Markus Lüpertz. Wir dürfen gespannt und neugierig sein, denn hier wird das alte Albertus Fenster, z.Zt. ausgelagert, in die moderne Gestaltung mit einbezogen. Das sich anschließende erholsame und freudige Beisammensein im Cafe Reichard lud noch zu weiteren Reflexionen über das Gesehene und Gehörte ein. Fürwahr ein gehaltvolles Erlebnis!
F.H. und R. Effertz